Internationale Occhi-Ausstellung in Horstmar 2004

Yvain-Legende: Textiles Bildwerk von Edwige Renaudin

Der Yvain-Behang von Edwige Renaudin, den sie für die Preiskonkurrenz "Mythes et légendes de forêt de Brocéliande" schuf, war für die Occhi-Ausstellung 2004 in Horstmar das auffälligste Exponat. Es übte eine magische Anziehungskraft aus, jeder spürte das Besondere in diesem Kunstwerk. Leider hatte das Bildwerk nicht den ihm gebührenden Platz.

Zwei Jahre arbeitete sie an diesem Bildwerk, benutzte alte vergessene und von ihr rekonstruierte Knotentechniken und Frivolité-Spitze in kompliziertesten Techniken, einige von ihr weiterentwickelt. Sie zauberte mit edlen Seidenstoffen, matt schimmernden, farbigen Seidenfäden, Frivolité-Rosetten und -Schnüren, alten Knoten, glitzernden Perlen, Pailletten und kleinsten Perlmutt-Knöpfen ein märchenhaftes eindrucksvolles Bild von malerischem und geheimnisvollen Reiz. Ihre Phantasie und ihre Freude an immer neuen Formen und Verbindungen bringen sie dazu, immer wieder wenig begangene Wege zu erforschen. Ihre poesievolle Yvain-Komposition erinnert an die Buchmalerei einer kostbaren mittelaltelichen Handschrift.

Wenn die Legende des edlen Artusritters auch nur wenigen bekannt, das Märchenhaft-Mystische ist aber jedem erlebbar. Yvain, der Löwenritter (dt. Ivain, Iwein), ist einer der zwölf edlen Ritter der Tafelrunde von König Artus. Er gilt als einer seiner besten Ritter und ist der Held des um 1175 entstandenen gleichnamigen mittelalterlichen und einst viel gelesenen Ritterromans "Yvain ou Le Chevalier au Lion" von einem der bedeutendsten Dichter höfischer Versromane Chrétien de Troyes (vor 1150 bis vor 1190), [in dt. Bearbeitung von Hartmann von Aue (*um 1168 - nach 12l0): "Iwein oder der Löwenritter"].
Hier die Kurzfassung:
Yvain, Ritter am Hof von König Artus, reitet zu der Heiligen Quelle von Barenton im Zauberwald von Brocéliande, im Herzen der Bretagne. Hüter dieses Brunnens ist König Askalon, er wacht darüber, dass die magische Kraft der Quelle nicht missbraucht wird. Am Zauberbrunnen tötet Yvain den König Askalon. Er verliebt sich in dessen Witwe Laudine. Die Hofdame Lunete arrangiert eine Heirat mit Laudine. Ihn zieht es nach einiger Zeit wieder zu neuen Abenteuern und er verlässt Laudine mit dem Gelöbnis, nach einem Jahr zurückzukehren. Er bricht sein Versprechen und vor der Artusrunde verflucht Laudines Hofdame Yvain wegen seiner Treulosigkeit. Laudine löst sich von ihm. Er verliert Ehre und Ansehen. Ehrlos und verzweifelt verliert er seinen Verstand, irrt schuldbeladen in der Wildnis umher. Durch eine Zaubersalbe der Fee Morgue geheilt, besteht er weitere Abenteuer, sittlich geläutert nun, im Dienste der Schutzlosen und Schwachen. Einem Löwen hilft er im Kampf gegen einen Drachen. Der dankbare Löwe wird von nun sein Freund fürs Leben, ständiger Begleiter, Mitstreiter und Yvains Wahrzeichen als Inbegriff von Stärke, Mut und Edelsinn. Viele ruhmreiche und edle Taten werden im Sinne von Frieden und Gerechtigkeit vollbracht, bis er am Ende der vielen Abenteuer seine Ehre und mit Lunetes Hilfe auch Laudine wiedergewinnt.
Aus diesem Epos gestaltet Edwige Renaudin folgende Szene:
Yvain, der Löwenritter, zugleich symbolisiert durch Löwe und Pferd, kehrt nach vielen Abenteuern und edlen Ritterdiensten zur Heiligen Quelle von Barenton im Zauberwald von Brocéliande zurück. Hier erinnert er sich vergangener Zeiten und sieht nun den Verlust Laudines als Inbegriff allen Unglücks. Ohnmächtig vor Schmerz und ohne Lebensmut sinkt er vom Pferd. In der nahe gelegenen Kapelle ist die zum Tode verurteilte Hofdame Laudines, Lunete, als angebliche Verräterin gefangen.
Dieses textile (noch nicht ganz vollendete) Bild hat einen festen Rahmen aus aufgenähtem und mit Frivolité-Spitze verzierten Patchworkband. Zwei senkrechte Randleisten aus ebenfalls aufgenähtem, zweifarbigen Patchwork-Band mit heraldisch wirkenden Zierbesatz aus dichten kunstvoll gearbeiteten Frivolité-Rosetten, in der unteren Mitte einen Drachen darstellend, bilden einen lichten Rahmen. Ein kurzer Text in gotischer Schriftmalerei mit großer, besonders kunstvoll gestalteter und mit Frivolite-Borte eingefasster Initiale weist auf die Yvain-Legende hin. Ein dichtes, ornamentales, feingliedriges Rankenwerk mit Schmetterlingen umgibt Bild und Text, wodurch das Geheimnisvolle des Zauberwaldes von Brocéliande hervorgehoben wird. Durch Verwendung von drei bis vier Fäden zugleich erreicht Edwige Renaudin optische Farbmischungen und interessante Tonabstufungen.
Die von ihr benutzten diffizilen Techniken sind in ihrer alternierenden Vielfalt zu schwer benennen:
Pferd: flächenfüllend mit Malteser Ringen und Splitringen (mit vier Schiffchen)
Löwe: flächenfüllendes Netzmuster aus ineinander geschlungenen, spiralförmigen und später durchstopften Bogen
Baumstamm: reliefartig geschichtete, in Farben abgestufte Bogen mit langen, ineinander verschlungenen Picots
Laubwerk: plastische Bogenarbeit mit gekräuselten und glatten Fäden
Quelle: applizierte Josephinenknotenschnüre mit matt schimmernden Pailletten und Perlen
Kapelle: Netzwerk aus Josephinenknoten, Splitringen, Bogen mit langen Picots und einge-arbeiteten feinen Perlmuttknöpfchen
Bildhintergrund: heraldisch gerautete Patchworkfläche aus königsblauen, dunkelroten und altgoldenen Brokaten, Kreuzungspunkte jeweils mit alten Knoten ("Honiton") verziert

Unter ihren weiteren Exponaten waren neben einem Babyhäubchen, dem unvollendeten Wahrzeichen von Vincennes (ihre Heimatstadt) auch ihr bereits auf einigen Ausstellungen gezeigter kunstvoller Fächer mit Behälter zu bewundern. Über ihren Fächer finden Sie eine ausführliche Darstellung im Internet unter:
http://www.lecurieux.com/Frivolite/frivolite.htm .
Edwige Renaudin vereinigt in diesen wie auch in all ihren anderen Werken meisterlich beherrschtes Kunsthandwerk und künstlerische Gestaltungskraft.

Christel Wutzmer


Yvain, der Ritter mit dem Löwen

Textiles Bildwerk (Ausschnitt), nach einem Foto von Bruno Focke
Originalgröße: 80 x 100 cm
Entstehungsjahr: 2002 - 2004
Techniken: Mischtechniken, überwiegend Patchwork kombiniert mit vielfältigen und diffizilsten Frivolité-Techniken und Flächenapplikationen
Material: reine Seiden und Brokate, reine Seidengarne, Pailletten, Perlen, Knöpfe
Beteiligt an Ausstellungen:
  1. Concours national de patchwork and broderie 2003 "Mythes et légendes de forêt de Brocéliande" / Musée de la Soie (Campel, Bretagne / FR)
  2. Exhibition 2004 "Myth or Mystery" / The Lace Guild, Stourbridge / UK