Occhi-Ausstellung am 8./9. Juni 2002 in Horstmar

Mitten in der sanften Parklandschaft des westlichen Münsterlandes liegt Horstmar, ein Städtchen mit noch vier erhaltenen Burgmannshöfen, altem Stadtkern und einem alten kleinen Rathaus mit mittelalterlichem Kern, welches der benachbarten breiträumigen Kirche (Ende 14. Jh.) auffällig seine Kehrseite zeigt.

Seit 1986 ist hier die jährliche "Internationale Ausstellung von Occhi und Handarbeiten" beheimatet. Ursprünglich als Occhi-Ausstellung von Hildegard Ruck (Horstmar) ins Leben gerufen, sind in den letzten Jahren u. a. auch Kunststricken, Ajour- und Weiß-Stickerei, Hardanger, Blaudruck u. a. vertreten. Die 16. Ausstellung fand am 8. und 9. Juni 2002 im denkmalgeschützten "Alten Rathaus" und in der Ratsschänke statt. Organisatoren dieser Ausstellungen waren mit Unterstützung der Stadt Horstmar Margret Hölscher (Coesfeld) und Maria Schulenkorf (Coesfeld).

In der Ausstellungseröffnung begrüßte der Horstmarer Bürgermeister die 37 Aussteller aus verschiedenen Ländern, wie z. B. England, Dänemark, Niederlande/Holland, Frankreich, Russland u.a. Neben den deutschen Interessengemeinschaften waren der britische "Ring of Tatters", der dänische "Orkis" u. a. als Aussteller vertreten. Nina Burgatskaja (Fachbuchautorin und Designerin aus Moskau) stellte erstmalig ihre Arbeiten in Horstmar vor. Namhafte Designerinnen wie Pam Palmer (Großbritannien), Sheila Dutton (Großbritannien) und Edwige Renaudin (Frankreich) bereicherten - wie schon in den Jahren zuvor - mit ihren einzigartigen Exponaten diese Spitzenausstellung. Ineke Kuipery (Niederlande) hatte u. a. neben einer aparten Weihnachtskrippe einen interessanten Schaukasten mit einer kleinen Sammlung alter und neuer Schiffchen und sonstigem Zubehör. Des weiteren waren zu bewundern: große und kleine Decken und Läufer, Kragen, Babykleidung, Schmuck und sonstige modische Accessoires, Tischbänder, Bilder, Grußkarten, weihnachtlicher und österlicher Schmuck, Täschchen, Döschen, Brillenetuis usw. usw. - eine unendliche Vielfalt von Mustern, Formen und Techniken, von neuartigen, eigenwilligen Entwürfen und simplen Nacharbeiten. Auf diesem Gratwandel war für jede Occhi-Seele etwas Interessantes zu finden. Die Exponate aller Aussteller zeugten von großem Ideenreichtum, Fleiß und handwerklichem Können, zugleich waren sie eine bunte Mischung von Kunsthandwerk und Amateurschaffen, von Hobbyausstellung und Verkauf. Keine Jury entscheidet über Wert oder Unwert der auszustellenden Objekte, hier kann jeder mitmachen - gerade darin liegt wohl der Reiz der Horstmarer Spitzenausstellungen. Aussteller und Besucher sind durch das gemeinsame Hobby auf sonderbare Weise verbunden. Hier treffen sich Entwerfer und Nacharbeitende, Muster- und Literatursammler, Sammler aller Arten.

Neben interessanten Begegnungen und Gesprächen ist hier alljährlich die Gelegenheit, schöne Garne u. a. Zubehör, ausländische Literatur, neue Muster, neue Techniken zu sehen. Großer Beliebtheit erfreut sich z. Z. die Literatur in russischer Sprache. Diese Bücher bringen z. T. für uns neuartige und ideenreiche Muster (aufwendige Kragen, Decken, Borten) - auch ohne russische Sprachkenntnisse kann man , wenn auch mit Mühe, etliche dieser Muster nacharbeiten. Jedem Bücherfachmann zum Graus wird auch in zunehmendem Maße mit dem PC hergestelltes Kleinschrifttum angeboten - mit dem Charme des "Selbstgestrickten" und Unvollkommenen. Unsere kleine, unregelmäßige Reihe "Doppelknoten" gehört hierzu. Es ist schon Tradition, dass jedes Jahr eine neue Nummer auf dieser Spitzen-Veranstaltung angeboten wird (im Internet unter http://www.chriwu.de ). Auch die neue Informationstechnik war bei einigen Ausstellern zu bestaunen, so stellten Erika Kellner (Hamburg) auf dem Laptop ihre Website vor (http://www.occhi.de) und Christiane Eichler (Köln) zeigte auf ihrem Laptop eine Occhi-Dokumentation. Interessant war auch ein "Roundrobin"-Deckchen, an dessen Gestaltung sich u. a.Adelheid Dangela und Martina Sauer beteiligt hatten ( im Internet unter http://maus.pinkpig.com/robin/german1/ anzusehen). Ein solches Roundrobin- Deckchen ist eine von einer Interessengemeinschaft organisierte Gruppenarbeit. Jeder Teilnehmer dieser Roundrobin-Gruppe arbeitet ein kleines Motiv, bestimmt Farbe und Stärke des Garns und sendet die begonnene Arbeit an einen in bestimmter Reihenfolge festgelegten Teilnehmer, welcher dann die nächste Runde arbeitet, an den nächsten Roundrobin-Teilnehmer sendet,usw. usw. usw. - Näheres im Internet unter http://maus.pinkpig.com/robin/signup2.shtml.

Am Verkaufsstand "Handarbeiten & Schuhe & Café Köster" (Emtinghausen bei Bremen, im Internet unter http://www.handarbeiten-koester.de ) erhielt man reizvolle Garne verschiedenster Firmen in diversen Farben und Stärken, einschlägiges Werkzeug, Material und Zubehör. Elke Rohlf demonstrierte hier Nadel-Occhi (Designer-Porträt in "Anna" 2002, Nr. 5, mit Lehrgang Nadel-Occhi). Stets interessant ist auch der Verkaufsstand des Bernsteinschleifers Heiko Pund mit handgearbeiteten Schiffchen aus Naturmaterialien (Bein, Weserbernstein u. a.) in verschiedensten Formen.

Wie bei meinen vorherigen Besuchen genoss ich die ausgestellten liebenswerten Kostbarkeiten, den Einfallsreichtum der Entwerfer sowie den Fleiß, die Hingabe, das handwerkliche Können, die Akkuratesse der nacharbeitenden Occhi-Enthusiasten. Aber was mir bei meinen Horstmar-Aufenthalten auch auffiel:
1. Entwürfe werden unbekümmert um Urheberrecht und Musterschutz nachgearbeitet und ohne Hinweis auf den Urheber ausgestellt und verkauft.
2. Verkauf von nicht für den Eigenbedarf hergestellten Kopien aus urheberrechtlich geschützten Werken (dazu noch ohne Quellenangabe).
Gewisse Grundkenntnisse im Urheberrecht und Musterschutz sind unabdingbar. Auch wenn die Freude und die Befriedigung, die uns das eigene Können gibt, oft sehr groß ist, sollte doch jeder Nachschöpfende, Nacharbeitende und Musterverkaufende soviel Achtung vor der Arbeit und dem geistigen Eigentum derer haben, die all die schönen Muster und raffinierten Techniken ersannen, die unser gemeinsames Hobby so reizvoll machen. Jeder Aussteller sollte - um sich nicht des Plagiats bezichtigen zu lassen, seine Exponate entsprechend auszeichnen (eigener Entwurf, Adaption/Bearbeitung/Variation oder Nacharbeit) mit entsprechender Quellenangabe. Plagiate lassen sich nur vermeiden, wenn man ausschließlich für die Schublade arbeitet, aber wer will das schon? So freuen wir uns auf die 17. Ausstellung in Horstmar und hoffen auf neue Muster, neue Techniken, neue Literatur.