Tina Frauberger

Eine Persönlichkeit von besonderer Ausstrahlung war Tina Frauberger (1861–1937). Sie wirkte als Textilkünstlerin, Gewerbelehrerin und Fachbuch-Autorin. Philippina Christina Lauterbach, so ihr Mädchenname, zeigte schon in der Kindheit lebhaftes Interesse für Handarbeiten. Auch sie besuchte die 1874 gegründete, von Emilie Bach geleitete und weithin anerkannte K. und K. Kunststickereischule in Wien. Anfang 1889 wurde sie als wissenschaftliche Sachbearbeiterin für die Verwaltung der umfangreichen Textilsammlung des 1883 gegründeten Düsseldorfer Kunstgewerbe-Museums angestellt. Als der Central-Gewerbe-Verein nach dem Vorbild der Wiener Schule die „Anstalt für Kunststickerei und Frauenerwerb“ eröffnete, wurde sie zugleich auch Vorsteherin dieser neuen Anstalt. Die Kunststickerei-Schule hatte das Ziel, Berufsstickerinnen auszubilden, die Hausindustrie zu fördern sowie die Erwerbs-fähigkeit der Frauen und Mädchen zu sichern.
1892 heiratete Tina in zweiter Ehe den Kunsthistoriker Heinrich Frauberger (1845–1920), Begründer und Direktor des Düsseldorfer Kunstgewerbe-Museums und des Central-Gewerbe-Vereins. Diese Ehe bedeutet für beide Partner auch eine ideale berufliche Arbeitsgemeinschaft. Es begannen erfolgreiche Jahre. Tina Frauberger hielt zahlreiche Lehrvorträge, sie beteiligte sich mit ihren Arbeiten an vielen Ausstellungen, unter anderen in der Düsseldorfer Kunsthalle und an der ersten großen Spitzen-ausstellung 1911 im Kunstgewerbemuseum zu Leipzig. Außerdem war sie Jury-Mitglied bei den „Internationalen Preis-Concurrenzen für weibliche Kunstfertigkeit“, die von der „Wiener Mode“, einem renommierten Modejournal, veranstaltet wurden.
Tina Frauberger boten sich ideale und vielseitige Arbeitsmöglichkeiten. Sie untersuchte koptische Textilfunde und erforschte und systematisierte textile Strukturen. 1893 veröffentlicht sie ihre ersten Forschungsergebnisse in der Zeitschrift Globus und im Westdeutschen Gewerbeblatt, sie sind Vorarbeiten für ihr „Handbuch der Spitzenkunde“, welches 1894 bei Seemann in Leipzig erschien. Es ist ein erster Versuch, Spitzen zu systematisieren. Um die Jahrhundertwende war dieses Standardwerk ein wichtiges und grundlegendes Bestimmungswerk für Spitzen. Auch heute noch gilt dieses Handbuch als ein Grundlagenwerk.
Tina Fraubergers Vorliebe galt jedoch der Schiffchenspitze. Sie entwarf unzählige Muster von außergewöhnlicher Harmonie und Feinheit. Ihre künstlerische Begabung und ihr ausgeprägter Formensinn lassen sie immer wieder neue und überraschende Muster finden, die sie in den Jahren von 1917 bis 1920 in zwei kleinen Bändchen als „Handbuch der Schiffchenspitze“ im Selbstverlag veröffentlichte. Seinen besonderen Wert erhält das Werk – neben den Mustern – auch durch einen historischen überblick. Es ist ein früher, sehr wertvoller und für dieses Genre ungewöhnlicher Beitrag zur Kulturgeschichte der Schiffchenarbeit.
Bei der Herstellung ihrer Muster war sie von dem Gedanken ausgegangen, „Spitzen auszuführen, die überall da gebraucht werden können, wo man bisher gute Nadelspitze zu verwenden pflegte“. In der Struktur weisen ihre Spitzen ähnlichkeit mit den Reticella-Spitzen auf. Sie betrachtete die Schiffchenarbeit in den reichen, spitzenartig wirkenden Mustern nicht als Zeitvertreib, sondern als eine Kunst. Es bereitete ihr stets die größte Freude, wenn es ihr gelang, „das kleine Aschenbrödel“, wie sie die Schiffchenspitze nannte, zu kleiden und reich auszustatten.
Nach dem Erscheinen dieses Werkes wurde es still um Tina Frauberger. 1935 siedelte sie nach Stuttgart zu ihrer Tochter Irene über. Sie starb zwei Jahre später dort am 8. August 1937 im Alter von 76 Jahren.
Der Verbleib ihres mit Sicherheit reichhaltigen und bedeutenden Handarbeitsnachlasses und ihrer Fachkorrespondenz ist in öffentlichen Sammlungen nicht nachweisbar. Wie aber in dem Ausstellungskatalog „Spitzen aus der Sammlung Tina Frauberger“ berichtet, wurde nach ihrem Tod die Spitzen- und Stickereien-Sammlung versteigert. Ein Teil ihres Nachlasses ist wohl auch in den Kriegswirren verbrannt, der Rest wurde vereinzelt. Geblieben sind ihre Veröffentlichungen, die allerdings in den Bibliotheken selten sind. 1984 wurde ihr „Handbuch der Spitzenkunde“ als Reprint in der Edition „libri rari“ vom Verlag Th. Schäfer in Hannover herausgebracht, 2003 erfolgte von ihrem „Handbuch der Schiffchenspitze“ eine Reprintausgabe.
1994 erschien in den „Spitzenblättern“ erstmals eine Veröffentlichung über ihr Leben und Werk. 2005 wurde auf dem 23. Klöppelspitzen-Kongress in Weingarten ein Teil der in Stuttgart aus dem Nachlass versteigerten Spitzen-Sammlung einer breiten öffentlichkeit präsentiert und ein Ausstellungskatalog vorgelegt.

(Ausführliche Fassung und Literaturhinweise in: Doppelknoten Nr. Nr. 6: Schneekristalle und Sterne - Adaptionen nach Tina Frauberger / Christel Wutzmer und Agnes Focke. 2002. - 55 S.